» Interviewfragen an Bernhard Osterwind –
Helmholtz Gymnasium Hilden «

Das MINT-Schulprojekt am Rande des Weltalls ermöglicht nicht nur die Einbindung der ganzen Schule, sondern auch die Einbindung von schulischen Kooperationspartnern. Herr Osterwind hat mit seinem Stratosphärenprojekt ein regelrechtes Schulfest auf die Beine gestellt:

An welcher Schule sind Sie Lehrer?
Ich unterrichte am Helmholtz-Gymnasium Hilden.

Welche Fächer unterrichten Sie?
In der Differenzierung: Praktische Naturwissenschaften.
Regelunterricht: Biologie, Geographie, Kath. Religion.
Ich bin an der Schule u. a. Koordinator für Naturwissenschaften.

Wie sind Sie auf dieses Projekt aufmerksam geworden?
Wir wurden von Stratoflights durch ein Faltblatt informiert. Daraufhin habe ich mir die Broschüre genauer angesehen und habe die Webseite besucht.

Hatten Sie Ängste/ Bedenken dieses Projekt durchzuführen?

  1. Etwas peinlich wäre gewesen, wenn ein technischer Fehler oder das Wetter zu einem frühzeitigen „Aus“ geführt hätte und der große mediale Aufwand (für den etwas gegen meinen Willen vor allem die Schulleitung gesorgt hat).
  2. Was passiert, wenn die landende Sonde z. B. einen Unfall ausgelöst hätte. Für den Fall der Fälle schließt man zwar die Luftfahrt-Halterhaftpflichtversicherung ab, aber letztlich: Versicherung hin oder her.

Was war der ausschlaggebende Grund dieses Projekt durchzuführen?
Das „Abenteuer“ Naturwissenschaft wird beim Stratosphärenflug für Schüler wie Lehrer direkt erlebbar.

Sind noch andere Lehrer involviert?
Sehr viele: Informatiker, Physiker, Techniker, Chemiker, Geographen, Videoprojekt, Kollege der Bühnenbau AG, Schulleitung. Auch die IT der Stadt Hilden hat die datentechnischen Voraussetzungen in der Aula erst hergestellt. Im Prinzip haben wir die gesamte Schule in unser „Abenteuer“ eingebunden.

Wie haben Ihre Schülerinnen und Schüler auf dieses Projekt reagiert?
Sie forderten eine Wiederholung, die ganze Schulgemeinde war begeistert.

Welche Ziele haben Sie mit dem Projekt verfolgt?

  1. Realisation von Jugend forscht Projekten war der Ausgangspunkt.
  2. Werbung für Naturwissenschaften.
  3. Schaffung eines Gemeinschaftsgefühls.
  4. Werbung für unsere Schule.

Wie haben Sie das Projekt in Ihren Unterricht implementiert?

  • Berechnung der Flugzeiten im Kurs „Praktische Naturwissenschaften“.
  • Wettervorhersage und Prognose der Landegebiete im Geographiekurs (Kollege).
  • Theoretische und praktische Durchführung (Start) im LK Physik (Kollege).
  • Diverse Jugend forscht Arbeiten:
    • a) Nebelkammer (gescheitert) mit Physikkollegen und Schülern.
    • b) Bakterien und Höhenstrahlung (geglückt) mit Kollegen aus der Chemie.
    • c) Livestream aus der Sonde (zum Teil geglückt) zusammen mit Informatiker, Unterstützung durch den Partner Vodafone.

Wie viel Vorbereitungszeit haben Sie selbst in das Projekt gesteckt?
Sicher habe ich als Koordinator zahlreiche Stunden investiert, was aber weniger an der Kernarbeit am Stratosphärenflug zu tun hatte, sondern an dessen Vermittlung gegenüber den verschiedensten Lerngruppen (quasi die gesamte Schule war eingebunden), auch den Jugend forscht Projekten (wir haben für alle Schüler einen schulinternen Wettbewerb gemacht: Wer schlägt ein Experiment für den Stratosphärenflug vor?), auch das Sponsoring war sehr zeitaufwändig sowie gesamte organisatorische Abstimmung. Der Kick-off zum Projekt: ca. 10 Monate vor dem Stratosphärenflug.

Welche Aufgaben verfolgten Ihre Schülerinnen und Schüler in Ihrer „Mission Control“?

  1. GPS Überwachung: Überwachung der GPS Signale, Abgleich mit der erwarteten Landezone und Steig-/Sinkrate. Voraussage der Landezone mit der Flugroutenberechnung von Stratoflights.
  2. Responder Bergungsteam: Koordination mit Bergungsteam, Angabe des voraussichtlichen Landegebietes. Falls möglich: Videokonferenz mit Bergungsteam und Übertragung der Bergung in die Aula. Unterstützung des Bergungsteams z. B. durch Kontaktaufnahme mit Förster, Grundstücksbesitzer, etc..
  3. Responder Lireübertragung Drohnenteam.
  4. Luftraumüberwachung: Identifizierung von Flugzeugen in der Nähe, um sie später im Film identifizieren zu können. Welcher Flug? Start/ Ziel/ Höhe/ Richtung.
  5. Wettervorhersage. Countdown. Beobachtung 1 Woche vor dem Start. Vorhersage drei Tage vor dem Start, 24h vor dem Start die Entscheidung, ob der Ausweichtermin genommen wird. 1h vorher Überwachung der Wolkenbedeckung und Sichtweite (Dokumentation), Landezone innerhalb Deutschlands? Freigabe der Gasbefüllung. Startfreigabe –1 Minute. Dokumentation der Wetterlage während des Fluges.
  6. Livebildkoordination für die Aula.
  7. Moderator Aula.

Haben Sie und Ihre Schülerinnen und Schüler das gesteckte Ziel erreicht?
Technik: Der Ballon ist wider Erwarten leider schon vor der geplanten Platzhöhe geplatzt. GoPro (gebrauchtes Modell aus der Schule) hat leider nach 1h den Betreib eingestellt. GPS Signal hat dagegen bis in 20.000m Höhe perfekt (!) bei Auf- wie Abstieg funktioniert (darüber ist das GPS für die „private Nutzung“ gesperrt). Handy Livestream Start hat super funktioniert. Bei der Landung haben wir das Remote-System zu spät gezündet und uns zu sehr auf unser Periscope verlassen. Das Handy hat den Ausflug technisch unbeschadet „überlebt“. Das selbstentwickelte Livebild aus der Sonde kam erst zustande, als die Sonde gerade in den Baum flog. Das wird im Oktober 2019 nochmal besser gemacht.
Jugend forscht: Es ist nicht gelungen, eine Mininebelkammer zu entwickeln. Aber auch gescheiterte Projekte sind lehrreiche Projekte. Das Bakterienprojekt hat funktioniert. Wir konnten eine deutliche Schutzwirkung vor der Höhenstrahlung durch unsere Basalthülle feststellen.
Werbung für Naturwissenschaften und die Schule: zu 100 % geglückt.
Abenteuer und Begeisterung für die Faszination Forschung: zu 100%.

Wie hat ihren Schülerinnen und Schülern das Projekt gefallen? Was haben die Schüler dabei gelernt?
Je nach Schülergruppe war der Lernerfolg in der Sache sehr unterschiedlich, da grundsätzlich ja mit arbeitsteiliger „Spezialisierung“ gearbeitet wurde, was die Wirklichkeit bei komplexeren Vorhaben in der Forschung und Industrie aus wiederspiegelt. Lehrer- und Schülerrollen wurden aufgegeben zugunsten von Funktionen als „Spezialist“. Diese neuen „Rollen“ waren wesentlicher Teil des pädagogischen Ansatzes.
Das Gemeinschaftserlebnis war ein die ganze Schule erfassendes Gefühl, welches durch den enormen Widerhall in den Medien noch verstärkt wurde. Qualitativ ragte da der WDR Bericht ganz besonders heraus.

Wie werden die Ergebnisse aufbereitet?
Durch Erkrankung des Koordinators fand die Auswertung zunächst in den Einzelgruppen statt. Bis zum nächsten Start wird noch eine filmische Dokumentation unserer Video AG vorgelegt. Ansonsten folgte ja die Präsentation und Jurybewertung im Jugend forscht Wettbewerb (2. Platz im Regionalwettbewerb Düsseldorf)

Würden Sie das Projekt erneut durchführen?
Am 04.10.2019 fliegen wir wieder in einer leicht „abgespeckten“ Version. Vielleicht haben wir uns 2018 auch zu viel auf einmal vorgenommen. Im Zentrum steht diesmal die Konzentration auf die Liveübertragung aus der landenden Sonde in die Aula.

Wie gut bereitet Sie unser Informationsmaterial wie Anleitungen, Tutorial und die Informationen auf unserer Webseite auf das Projekt vor?
Völlig ausreichend.

Wie anspruchsvoll ist das Projekt?
Wenn man sich über 6 Monate Zeit nimmt, kann man auch neben dem Unterricht die Schüler zu jeweiligen Experten heranziehen. Das Anspruchsniveau ist sehr unterschiedlich und individuell anpassbar. Von dem über ehrgeizigen Ziel, eine Mininebelkammer hochzuschicken (Ergebnis eines schulinternen Jugend forscht Wettbewerbes: Welches Experiment schlagt ihr für den Stratosphärenflug vor?) bis zur Bedienung des GPS Senders (den man ja leicht einüben kann) gibt es sehr unterschiedliche Anspruchsniveaus.

Wie wurde das Projekt finanziert?
In der Sparta-Spendenwahl, 9 Monate vorher, wurden die notwendigen Finanzmittel „erarbeitet“.

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Welche Herausforderungen gab es im Laufe des Projektes und wie konnten diese gelöst werden?
Letztlich war bis wenige Wochen vor dem Start immer noch offen, welche Gruppen welche Forschungsergebnisse einbrachten. Immer stand das Gewichtslimit ganz im Vordergrund. Vodafone hat uns durch Nutzung ihren Labors und ihres Equipment sehr geholfen, das Livestream Projekt anzugehen. Insbesondere mit 5G Standard wird das die Zukunft sein, aus der Sonde Livebilder zu übertragen. Die RWTH Aachen bietet auch Experimente mit dem Handy an, welche höchst interessante Zukunftsperspektiven bieten und enormes Potenzial für Stratosphärenflüge aufzeigt.
https://phyphox.org/de/home-de/

Welche Medien haben Sie informiert?
Die Medienarbeit lag aber komplett in den Händen der Schulleitung.

Wünsche und Anmerkungen für Verbesserungen?
Keine. Vielen Dank für die tolle Informationsbereitstellung.

Herzlichen Dank an Bernhard Osterwind vom Helmholtz Gymnasium Hilden für das Interview und die dadurch gegebenen Inspirationen für weitere Lehrkräfte, um junge Schüler*innen für Naturwissenschaften zu begeistern.

http://www.hgh.hilden.de/Aktuelles/-HGH-for-future-